Industriepolitik: "Die EU darf die Hidden Champions nicht vergessen!"

Euractiv

Deutsche und französische Politiker setzen sich offen für eine aktive Industriepolitik ein. Der VDMA mahnte nun im Rahmen eines Workshops in Brüssel, dass die EU auch die Bedürfnisse des Mittelstands berücksichtigen muss.

Industriepolitik steht in Europa wieder im Fokus. Politiker wie der französische Präsident Emmanuel Macron oder der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier setzen sich offen für eine aktivere Industriepolitik ein, um vor allem dem Wettbewerb aus China zu begegnen. Der VDMA hat nun - in Zusammenarbeit mit dem EU-Medium Euractiv - einen Workshop in Brüssel organisiert zu dem Thema: European Champions vs. Hidden Champions - Wie sieht die Zukunft der europäischen Industrie aus? Die wichtigste Botschaft des Verbandes dabei war, dass eine europäische Industriepolitik das Rückgrat der EU-Wirtschaft, die kleinen und mittleren Unternehmen, nicht vernachlässigen darf.

Oft diskutiert wird diesem Zusammenhang eine mögliche Reform des EU-Wettbewerbsrechts. Die EU, so ein gängiges Argument, müsse eine gewisse Konzentration auf dem europäischen Markt akzeptieren, damit Unternehmen weltweit wettbewerbsfähig sein können. Kritiker bezweifeln jedoch, dass große Unternehmen allein Europas Industrie stärken würden. "Es gibt keinen Gegensatz zwischen guter Wettbewerbspolitik und effektiver Industriepolitik", argumentierte Paul Csiszár von der Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission (und betonte gleichzeitig, an dieser Stelle nur seine persönliche Meinung zu vertreten). "Die Wahrheit ist viel komplexer als dass es eine Patentlösung namens European Champions gibt"

"Die Wahrheit ist viel komplexer als dass es eine Patentlösung namens European Champions gibt"

Holger Kunze, Direktor des VDMA European Office, betonte, dass die neue Aufmerksamkeit der EU gegenüber der Industrie grundsätzlich positiv sei: „Wir stehen vor Herausforderungen wie Digitalisierung oder Klimawandel, die wir nur auf europäischer Ebene bewältigen werden." Kunze warnte jedoch, dass diese Politik nicht nur auf die Bedürfnisse der Großunternehmen zugeschnitten sein dürfe. "Wir sollten darauf achten, dass wir unsere Stärke in Europa nicht zerstören, und das sind die Hidden Champions, die bereits auf dem Weltmarkt erfolgreich sind.“

Johan Bjerkem, Analyst beim Thinktank EPC, vertrat die Ansicht, dass die EU in jedem Fall eine gemeinsame Industriepolitik entwickeln müsse. Niemand könne an einem Flickenteppich von nationalen Ansätzen interessiert sein, in denen die Mitgliedstaaten den Aufbau nationaler Champions vorantreiben. Luis Colunga, stellvertretender Generalsekretär der Europäischen Gewerkschaft IndustriAll, argumentierte, dass eine solche Politik allerdings über die Präferenzen der französischen und deutschen Regierung hinausgehen muss: "Wir sprechen derzeit von einer Industriepolitik für zwei Länder, aber wir müssen vielmehr über eine Industriepolitik für alle Mitgliedstaaten diskutieren."